Hier findest du Geschichten von unterwegs. Oft sind es Reiseberichte aus nahen oder fernen Ländern, Metropolen, über fremde Kulturen oder auch nur kleine Anekdoten. Manchmal geht es aber auch um Schicksale und Lebensumstände von Menschen; oder gar um Situationsberichte und politische Entwicklungen aus den krisengeschüttelten Regionen dieser Erde.

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Von Sarajevo auf den Berg Trebević

 
Mit der 2018 wieder in Betrieb genommenen Seilbahn auf den Olympiaberg Trebević: Sarajevo, ehemals eingekesselte Stadt, dreißig Jahre nach Beginn des Bosnienkrieges. 

(Bosnien und Herzegowina im Juni 2022)

 


Sanft setzt sich die sechseckige Gondel mit den großen Glasscheiben in Bewegung, scheint kurz inne zu halten, dann noch einmal ordentlich Schwung zu holen, und schon schweben wir aus der modernen Talstation im Stadtteil Bistrik bergaufwärts. Ratternd überwinden wir den ersten stählernen Pfeiler, gleiten immer weiter den grünen Hang hinauf. 

Der Blick zurück eröffnet uns ein sensationelles Panorama auf die Stadt: das historische Zentrum, die Baščaršija, mit ihren engen Gassen und dem Sebilj, einem öffentlichen Brunnen aus der Zeit des osmanischen Reiches, auch Taubenbrunnen genannt. Unzählige Minarette, allen voran das der Gazi-Husrev-Beg-Moschee, und auf einmal zum Greifen nah, die frisch restaurierte Nationalbibliothek, in der durch den Beschuss der serbischen Armee im August 1992 mehr als zwei Millionen Bücher verbrannten. 

Etwas weiter westlich, im österreichisch geprägten Teil der Innenstadt, die Herz-Jesu-Kathedrale, eine römisch-katholische Bischofskirche mit doppelten Kirchturm. 

Es geht steil den Berg hinauf, dem Trebević. Im Februar 1984 Austragungsort für die Wettbewerbe im Rennrodeln und Bobfahren der olympischen Winterspiele von Sarajevo, aber dazu später mehr. 

Je höher wir emporschweben, desto fantastischer die Aussicht. Noch weiter die langgestreckte Stadt am Fluss Miljacka hinunter, kommen nun die modernen Glaspaläste in unser Blickfeld: der wie ein Korkenzieher gedrehte Avaz Twist Tower zum Beispiel, ein alles überragender Büroturm und eines der höchsten Gebäude in ganz Südosteuropa, und das schon fast futuristisch anmutende Sarajevo City Center. Gleich daneben, direkt am Flussufer, das im Bosnienkrieg komplett ausgebombte und vor einigen Jahren wiederhergestellte, neu verglaste Parlamentsgebäude. Nicht zu vergessen, gleich gegenüber, das weltberühmte Holiday Inn, in dem in den neunziger Jahren die Kriegsreporter und Diplomaten residierten. 

 

Wir haben jetzt die Hälfte der knapp zehnminütigen Fahrt hinter uns. Irgendwo unter unseren Füßen befand sich damals die Frontlinie zwischen den serbischen Belagerern und den Verteidigern Sarajevos. Davon ist aber mehr als 25 Jahre nach Kriegsende nichts mehr zu sehen. Heute bestimmen grüne Wiesen, eine Handvoll weidende Kühe und Mountainbiker auf ihrer halsbrecherischen Fahrt runter ins Tal das Bild. Nur die Ruine des zerstörten, und nie wieder aufgebauten, Observatoriums Bistrik Kula am Hang des Trebević leuchtet fast mahnend in der Sonne und erinnert uns an weniger friedliche Zeiten. 

Meine Augen wenden sich vom Tal hinauf auf den Berg. Der Trebević ist so etwas wie der Hausberg der Stadt Sarajevo und die Seilbahn verband ihn seit Mai 1959 mit der Innenstadt. Bei den olympischen Winterspielen 1984 spielte sie eine besondere Rolle, da die Seilbahn den Zugang der vielen Besucher aus dem Stadtzentrum zu den Wettkampfstätten erleichterte, stand sozusagen mit im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit, war Teil von Ruhm und Erfolg. 

 

Unsere Fahrt neigt sich dem Ende zu. Wir ruckeln über den letzten Stahlpfeiler der mehr als zwei Kilometer langen Strecke, fast 600 Höhenmeter haben wir überwunden. Langsam gleiten wir in die Bergstation „Ramo Biber“, benannt nach einem der ersten Opfer des Bosnienkrieges. 

Am 2. März 1992 hatte Bosnien und Herzegowina nach einem von der serbischen Bevölkerung weitestgehend boykottierten Referendum seine Unabhängigkeit und den Austritt aus dem jugoslawischen Staatsverband erklärt. Der Seilbahnmitarbeiter Ramo Biber hatte an diesem Tag gemeinsam mit einem Kollegen Dienst an der Bergstation, als diese von Unbekannten angegriffen wurde. Beide flohen in Richtung Tal. Biber wurde auf der Flucht erschossen und konnte erst sehr viel später nur noch tot geborgen werden. Die Hintergründe und das Verbrechen selbst wurden nie aufgeklärt. Es ist davon auszugehen, dass sich die Angreifer der Bergstation bemächtigen wollten, die eine militärische Schlüsselfunktion darstellte und später den Serben als Scharfschützenstellung diente. 

Während die internationale Gemeinschaft, allen voran die USA und die Europäische Gemeinschaft, die Republik Bosnien und Herzegowina überwiegend als souveränen Staat anerkannte, weigerte sich die jugoslawische Armee, Bosnien zu verlassen. Die bosnischen Serben hatten ihrerseits die Republika Srpska als Teilstaat der Bundesrepublik Jugoslawien proklamiert. Unruhen brachen aus. 

Es war der Beginn eines grausamen Bürgerkrieges und der fast vier Jahre lang andauernden Einkesselung Sarajevos. 1425 Tage Dauerbeschuss. Mehr als 10.000 Tote, darunter viele Frauen und Kinder. 50.000 Verletzte. Tausende noch immer Vermisste. Unschuldige Opfer, unter ihnen: Ramo Biber, der Mann von der Seilbahn. 

 

Die Bergstation liegt auf dem Gipfel Vidikovac, in 1160 Metern Höhe, am Nordhang des Trebević. Atemberaubender Blick auf die Stadt und die umliegenden Berge. Es ist ein sonniger Tag im Juni 2022: Dreißig Jahre nach Beginn des Bosnienkrieges kommen wieder zahlreiche Touristen nach Sarajevo. Eine Gruppe älterer Frauen, der Sprache nach ebenfalls aus dem ehemaligen Jugoslawien, steigt aus der Gondel hinter uns. 

Wir streben dem Ausgang zu, auch in der Station „Ramo Biber“ dominiert moderne, gut durchdachte Architektur. Ein neu angelegter, riesiger Parkplatz. Die mitgereisten Damen studieren die große Tafel mit der Wanderkarte. Ein Minibus wartet mit laufendem Motor auf Gäste, um sie zu einer in der Nähe befindlichen Sommerrodelbahn zu fahren. Ein Kiosk auf Rädern bietet Getränke und Snacks an. Bänke und überdachte Picknickplätze laden zum Verweilen ein. 

Ich schaue mich um, versuche, mich zu erinnern. Vor über zehn Jahren war ich zuletzt hier oben gewesen, die Bergstation damals noch eine Ruine, von der alten Seilbahn waren nicht einmal mehr Spuren zu erahnen. Über uns kommen mit metallischem Surren die Gondeln wie an einer Perlenschnur in die Bergstation gefahren, zu unseren Füßen windet sich ein frisch angelegter Weg im Zickzack talwärts. Genau unter der Seilbahn ein Aussichtspunkt, ein überdimensionaler, hölzerner Bilderrahmen mit der Aufschrift „Sarajevo Trebević“ fordert zu einem Selfie mit Panoramahintergrund auf. 

 

Irgendwo hier muss sie sein, die Bobbahn, auf der die westdeutschen Rennrodler Hans Stanggassinger und Franz Wembacher in ihrem Doppelsitzer bei den olympischen Winterspielen 1984 eine der beiden Goldmedaillen für die ansonsten wenig erfolgreiche Mannschaft der Bundesrepublik Deutschland holten. 

Es sind tatsächlich nur wenige Gehminuten, dann sehen wir zuerst ein paar, von Pflanzen wild überwucherte, Steinstufen, dahinter eine zerfallene Flachdachruine und gleich daneben, wie ein Skelett aus Beton, die Startrampe der ehemals ruhmreichen Olympia Bob- und Rodelbahn mit der sich dahinter bergab windenden Röhre. Wie eine vor langer Zeit tödlich verwundete Schlange krümmt sie sich vor uns. Sämtliches Material, das irgendwie verwertbar schien, ewig schon entfernt, keine Technik mehr, kein Metall oder Kunststoff. Nur die aus Zement gegossene Konstruktion ist noch vorhanden. 

Wir klettern auf die Betonröhre, laufen sie bergab. Ich versuche mir vorzustellen, wie es damals war, als hier die Vierer- und Zweierbobs heruntersausten, angespornt vom tosenden Applaus der Zuschauer. Jubelschreie, bange Blicke auf Anzeigetafeln, die Stimme des Kommentators aus den Lautsprechern. Viel ist vom olympischen Geist nicht übriggeblieben. 

Die Bahn ist übersät mit bunten, großflächigen Graffiti, Tags und Schmierereien. Mutige Mountainbiker nutzen sie heute als Downhill Strecke der besonderen Art, Touristen spazieren auf ihr herum, ein Fotomotiv mit Gänsehautfaktor. Bei meinem letzten Besuch waren ringsherum noch rote Warnschilder mit einem aufgemalten Totenkopf an Bäumen befestigt: „Pazi-Mine“, Achtung- Mine, war darauf zu lesen. Die suche ich jetzt aber vergebens. Für den Bau der neuen Seilbahn wurde vermutlich die Gegend komplett entmint. 

 

Die Bobbahn, einst im Mittelpunkt der Sportwelt stehender Austragungsort der olympischen Winterspiele, Schauplatz von Erfolg, Jubel, Medaillenverleihungen und Tränen der Niederlage, diente während der Belagerung Sarajevos den bosnisch-serbischen Truppen als militärische Stellung, aus der sie mit ihrer Artillerie und den Scharfschützengewehren die wehrlos zu ihren Füßen liegende Stadt unter Dauerfeuer nahmen. 1425 Tage und Nächte. Tod und Verderben. 

Die serbischen Belagerer richteten sich dort häuslich ein, sicherten ihre Stellungen mit Minen gegen die Verteidiger der Stadt ab, sprengten sogar Löcher in die Bahn, durch die sie die Läufe der Waffen schoben, um besser zielen zu können. Sie schossen auf alles, was sich unter ihnen bewegte. Fast vier Jahre lang hasteten die Bewohner Sarajevos nur in gebückter Haltung durch die Straßen ihrer Stadt, immer nach Deckung suchend, immer in der angstvollen Befürchtung, ins Visier der Scharfschützen in den Bergen zu geraten. Nun gingen Bilder von getöteten Frauen, in einer Blutlache liegend, die so plötzlich fallengelassenen Einkäufe um sie herum auf dem Boden verstreut, erschossenen Männern, seltsam verrenkt, und sogar getöteten Kindern um die Welt. Die langgezogene Hauptstraße Sarajevos wurde auf einmal nur noch „Sniper Alley“, Scharfschützenallee, genannt. 

 

Die internationale Gemeinschaft sah dem Morden lange hilflos zu. Die Vereinten Nationen entsandten ihre Blauhelme nach Bosnien-Herzegowina und damit auch nach Sarajevo, das Mandat war, wie so oft, viel zu schwach. Das Töten beenden konnten sie nicht. 

Als im August 1995 mehrere Mörsergranaten auf einen gut besuchten Markt in der Innenstadt abgefeuert und dadurch auf einen Schlag 37 Menschen getötet wurden, entschloss sich die Nato endlich zu einem härteren Eingreifen und bombardierte zahlreiche serbische Stellungen in den Bergen rund um Sarajevo. Im Oktober 1995 wurde schließlich ein Waffenstillstand vereinbart, kurz darauf der Friedensvertrag von Dayton unterzeichnet. Die Belagerung Sarajevos war zu Ende. 

 

Und heute? Was ist aus dieser Stadt und ihren Bewohnern geworden? Einer Stadt zwischen Orient und Okzident, Jahrhunderte friedliches Zusammenleben der Weltreligionen und Kulturen. Sarajevo, das Jerusalem Europas- wo findet man sonst auf der Erde in einem Radius von wenigen hundert Metern eine Moschee, eine Kirche und eine Synagoge? 

Aber auch immer wieder Schauplatz von Spannungen und schwelenden Konflikten, die sich zuletzt in den neunziger Jahren in diesem entsetzlichen Krieg entluden. 

Ist es Sarajevo gelungen, zu ihrem Geist von Toleranz und einem friedvollen Miteinander zurückzufinden? Oder ist es bei einem oberflächlichem Frieden geblieben, unter dem im Kern noch immer ein Vulkan lodert? 

 

Mittlerweile haben wir den Rückweg angetreten, die Bergstation „Ramo Biber“ taucht wieder vor uns auf. Wir klettern in die nächste aus dem Tal einfahrende Gondel, lassen den Trebević und die Ruinen der Bobbahn hinter uns. Die Stadt zu unseren Füßen wird immer größer, zeigt uns bald wieder jedes Detail: die geduckten Häuser der Baščaršija, die unzähligen Minarette, die Hochhäuser im Stadtteil Grbavica, noch immer voller Narben des Krieges. Und auf der gegenüberliegenden Talseite erstreckt sich ein riesiges Feld weißer Grabstelen den Hang hinauf: der muslimische Friedhof von Kovači. 

Der erste Ruf eines Muezzins empfängt uns, als wir die Talstation erreichen, noch einmal einen Blick zurückwerfen, auf die Seilbahn am Trebević. Wir schlendern über das Kopfsteinpflaster der Altstadt, von den Minaretten ums uns herum hat jetzt ein Chor eingesetzt, von überall rufen nun die Muezzine zum Gebet. Ein paar Männer eilen durch das Tor zur Gazi-Husrev-Beg-Moschee, ziehen schnell ihre Schuhe aus, wollen nicht zu spät kommen. Frauen mit Kopftüchern bleiben ein wenig abseits, für sie ist ein separater Gebetsraum vorgesehen. 

Ein paar Meter weiter, dort wo die orientalische Altstadt in die westlich geprägte Fußgängerzone übergeht, eine Inschrift auf dem Pflaster: „Sarajevo Meeting of Cultures“ steht da in großen Buchstaben geschrieben. Wenig beachtet von den vielen Menschen, die beladen mit Einkaufstüten vorüber gehen. Nur vereinzelt bleiben Touristen stehen, bemerken die Botschaft, machen Fotos. 

Vor der Kathedrale hat sich eine riesige Traube junger Leute versammelt, von allen Seiten strömen Nachzügler hinzu, die Stimmung ist ausgelassen. Die Jungs in schicken Anzügen, die Mädchen in hellen Sommerkleidern, viele mit einer Rose in der Hand. Grüppchenweise, alle Arm in Arm, werden Fotos gemacht, von Eltern und Freunden. Ist das Schuljahr schon vorbei? Feiern die Abschlussklassen ihre bestandene Prüfung? Auf dem Platz vor der Kirche eine große silberne Skulptur von Papst Johannes Paul II: seinen Hirtenstab in der Hand verfolgt er mit einem milden Lächeln das Spektakel. 

Gleich daneben, in einer schmalen Seitengasse, befindet sich die „Galerija 11/07/95“, darin die ständige Ausstellung „Srebrenica“, die mit aufwühlenden Fotos den Genozid vom 11. Juli 1995 dokumentiert. Der größte Völkermord und das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Endes des Zweiten Weltkriegs: mehr als 8.000 Bosniaken, hinterrücks ermordet in den Wäldern rund um Srebrenica, einer Kleinstadt im Osten des Landes. 

 

Es gibt kaum einen Platz auf der Welt, wo vieles so dicht beieinander liegt, wie in Sarajevo: Die friedliche Koexistenz von unterschiedlichen Religionen und Kulturen, die Schönheit der Stadt und die Offenheit ihrer Menschen- aber auch immer gegenwärtig sind Krieg, Zerstörung und Tod. „Never forget“, niemals vergessen, eines der am meisten aufgesprühten Graffiti an den Hauswänden.  Gelebte Toleranz, aber zerbrechlich und instabil. 

Die politische Situation ist verfahrener denn je. Der Friedensvertrag von Dayton hat zwar das Morden beendet, seitdem hat sich in der Entwicklung des Landes leider nur wenig getan. Die ethnischen Spannungen bestehen fort und können jederzeit wieder in Gewalt umschlagen. Bosnien und Herzegowina ist noch immer ein zerrissenes Land. 

 

 

 


 

Der Teufelsberg- Ausflug in eine längst vergangene Zeit? 

 
(Berlin im April 2022) 

Es ist der sechsundvierzigste Tag des russischen Angriffs auf die Ukraine. Am 24. Februar 2022 wurden wir in eine Zeit zurückkatapultiert, die wir schon lange hinter uns gelassen glaubten und von der wir nie gedacht hätten, dass sie uns so brutal wieder einholen würde. Die von Wladimir Putin befohlene Invasion auf das gesamte Staatsgebiet der Ukraine ließ den seit 2014 schwelenden Konflikt um die Halbinsel Krim und das im Osten des Landes gelegene Donezbecken, auch Donbass genannt, nun endgültig eskalieren. Seitdem dominieren grausame Bilder von getöteten Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, dem Erdboden gleichgemachten Städten und verzweifelten Flüchtlingen die Nachrichten.

Als ob die Corona Pandemie, die uns mittlerweile seit mehr als zwei Jahren im Würgegriff hält, unsere Zuversicht nicht schon genug herausgefordert hat, wird die Weltordnung jetzt erneut kräftig durchgeschüttelt. Der Krieg verdrängt auch andere existentielle Themen, wie zum Beispiel die drohende Klimakatastrophe, aus den Schlagzeilen von Tagesschau, Spiegel online, BBC und CNN. Jetzt geht es um Waffenlieferungen, die Unterbringung der Vertriebenen und die zurückkehrende Angst vor weiterer Eskalation, bis hin zu einem befürchteten Atomkrieg.
 
Es ist aber auch eine Zeit des Aufbruchs. Die Infektionszahlen gehen wieder runter, überall werden die Einschränkungen zur Eindämmung der Corona Pandemie gelockert, die Menschen dürfen wieder Kultur erleben und sogar feiern gehen. Der Frühling schickt seine Vorboten und für mich steht eine kleine Reise an.
 
Berlin, das ist mein Ziel. Schon immer hat diese Stadt mich fasziniert. Vor vielen Jahren hatte ich mich das erste Mal aufgemacht, allein, mit meinem winzigen, armee-grünen Suzuki Jeep, offenes Verdeck, Musikanlage voll aufgedreht, über die holprige fast 300 km lange Transitstrecke durch die damals noch existierende DDR. Dann standen sie vor mir, mit Kalaschnikows und finsterer Miene überprüften die ostdeutschen Grenzer meinen mausgrauen, westdeutschen Personalausweis, noch aus Pappe, und stellten auch noch das mehr als übersichtliche Auto halbwegs auf den Kopf, bevor der Schlagbaum in die Höhe ging. Ungeduldig, aber langsam und im Zickzack fahrend, durchkurvte ich vor weit über dreißig Jahren die einschüchternden Sicherungsanlagen, bevor mich das gelbe Ortschild endlich willkommen hieß. Berlin! Geteilte Stadt, heute kaum noch vorstellbar. Wo gibt es das sonst auf der Welt? Eine Mauer, wie ein schmerzhafter Riss durch etwas, was eigentlich zusammen gehört. Zwei Metropolen, zwei politische Systeme, wie sie nicht unterschiedlicher sein können, aber ein Volk, eine Sprache, eine gemeinsame Vergangenheit- getrennt durch ein allgegenwärtiges Bollwerk. Aufgeregt und neugierig durchstreifte ich die Stadt, immer wieder stieß ich auf den bedrohlichen Wall aus grauen Betonplatten, den schmalen Grenzstreifen davor, die Wachtürme. Über vier Meter hoch und mehr als 150 km lang, trennte die Mauer die Stadt in zwei ungleiche Hälften. Ost und West.
 
Heute ist es Berlins moderner Hauptbahnhof, vierzehn Ebenen, lichtdurchflutet, Glas und Beton, der uns willkommen heißt. Die Deutsche Bahn fährt eine Freundin und mich bequem in weniger als zwei Stunden von Hamburg bis ins Herz von Berlin. Seit über dreißig Jahren nun geeinte Stadt. Unzählige Rolltreppen, kreuz und quer, bringen uns aus der untersten Ebene des Bahnhofs nach oben. Quirliges Leben, Reisende aus aller Herren Länder schieben sich aneinander vorbei. Auf dem Vorplatz zum Regierungsgelände steht ein riesiges, weißes Zelt, eine gelb-blaue Fahne ist daran befestigt. Hier können sich die vielen Flüchtlinge aus der Ukraine registrieren lassen.
 
In Berlin ist es meist kühler, als bei uns an der Elbe. Mildes Küstenklima hier und kalter Ostwind dort, zum Glück schaut wenigstens die Sonne ab und zu zwischen den Wolken hervor. Wir knöpfen die Jacken zu, ziehen die Schals fester und machen uns zu Fuß auf den Weg zu unserer Unterkunft. In den Gästezimmern der Hamburger Landesvertretung, gleich an der Rückseite des Finanzministeriums gelegen, werden wir dieses Wochenende übernachten. Wir marschieren los. Über die neue Fußgängerbrücke, die den Spreebogen überspannt, an Kanzleramt und Reichstag vorbei. Mein Trolley rattert hinter mir her. Ein Weg, wie er bei meinem ersten Berlinbesuch nicht möglich gewesen wäre. Hier wäre jetzt schon Schluss gewesen, unmittelbar hinter dem Reichstagsgebäude war West- Berlin damals bereits zu Ende. Die Mauer versperrte die Sicht auf das Brandenburger Tor, man musste auf eine extra auf der Westseite errichtete Besucherplattform klettern, um wenigstens einen Blick darauf zu erhaschen. Viel war allerdings nicht zu sehen. Eine trostlose Asphaltfläche, ein Wachturm, Grenzer mit Ferngläsern, die misstrauisch gen Westen äugten. Sonst nichts. Eine traurige Ödnis mitten in Berlin. Und heute? Wir laufen über den Pariser Platz, zwischen den Säulen hindurch, über uns strahlt die Quadriga im hellen Morgenlicht. Selbsternannte Stadtführer mit bunten Fähnchen bieten kostenlose Sightseeing Touren an, wir sind umzingelt von kleinen Touristengrüppchen und ein liebevoll restaurierter, roter DDR Kleinbus, Modell Barka von Wartburg, lädt zu einer „Ostalgietour“ ein.
 
Am nächsten Tag geht es los, wir wollen den Teufelsberg erklimmen. Ein ca. 120 m hoher Hügel im Westen Berlins, am nördlichen Ende des Grunewalds, Bezirk Charlottenburg. Den gab es aber noch nicht immer. Während der Nazizeit entstand an dieser, damals noch flachen, Stelle der Rohbau der Wehrtechnischen Fakultät, Teil des wahnwitzigen Traums einer Welthauptstadt Germania. Sie wurde nie fertiggestellt. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Rohbauten gesprengt, größtenteils abgerissen und als Baumaterial für den Wiederaufbau Berlins genutzt. Die Reste wurden ab 1950 mit den Trümmern der zerstörten Stadt wieder aufgefüllt. Jahrzehntelang luden hier hunderte von Lastwagen täglich ca. 7000 Kubikmeter Schutt ab, bis 1972 sollten es insgesamt 26 Millionen werden- das entspricht ungefähr einem Drittel aller im Zweiten Weltkrieg zerstörten Berliner Häuser, ca. 15 000 Gebäude. So wuchsen die Trümmer der Stadt mitten im Grunewald immer weiter in den Himmel, bis aus ihnen eine der höchsten Erhebungen Berlins wurde.
Das ist also die Geschichte des Teufelsberges, der seine Existenz der irren Ideologie eines machthungrigen Despoten namens Adolf Hitler, eines von ihm angezettelten Weltkriegs und der daraus resultierenden Zerstörung einer Millionenstadt verdankt. Seinen Namen hat er aber nicht von diesem teuflischen Diktator geerbt, sondern der leitet sich vom nahegelegenen, idyllischen Teufelssee ab.
Im Kalten Krieg nutzte die US-Armee den Gipfel des Teufelsberges als idealen Standort für eine Abhöranlage. Im Laufe der Zeit entstanden so fünf große, runde Antennenkuppeln, mit denen die Amerikaner bis tief hinein in das Gebiet des Warschauers Paktes lauschten, sowie die entsprechenden Gebäude dazu. Aber die Geschichte dieses Berges aus Trümmern und Schutt ist noch nicht zu Ende geschrieben, Perestroika, Glasnost und Wiedervereinigung sei Dank. Silvester 1989 tanzten die Berliner auf der Mauer, der Eiserne Vorhang fiel und der Kalte Krieg schien irgendwann ein Relikt längst vergangener Zeiten zu sein.
1991 verließen die Amerikaner dann schließlich den Teufelsberg, die Spionagestation war für sie nutzlos geworden, den Warschauer Pakt gab es nicht mehr. Die Gebäude blieben stehen, sogar eine neue Radaranlage wurde installiert und ein paar Jahre für die zivile Luftfahrt eingesetzt. Dann war auch das vorbei, die ehemalige Abhöranlage auf dem Gipfel des Teufelsberg wurde sich selbst überlassen.
 
An der S-Bahnstation Grunewald steigen wir aus, besichtigen erstmal das eher unscheinbare Mahnmal „Gleis 17“, das an die tausenden Juden erinnert, die von hier ihre Reise in den Tod, in die Vernichtungslager von Ausschwitz-Birkenau und Theresienstadt antreten mussten. Die Vegetation hat die Schienen bereits teilweise zurückerobert, nie wieder wird ein Zug von Gleis 17 den Bahnhof verlassen.
Dann gehen wir rüber auf die andere Seite, in den Grunewald, vorbei an der Revierförsterei und lauschigen Kleingärten. Von hier kann man zwischen den Baumwipfeln schon die weißen Kuppeln der alten Abhöranlage erspähen, wie überdimensionale Golfbälle sehen sie aus. Wir überqueren die asphaltierte Teufelsseechaussee und wandern die eng geschlungenen Serpentinen des unbefestigten Wanderweges immer weiter hinauf, auf den Teufelsberg. Geborstene Mauerreste, zerbrochene Ziegelsteine, hier und da noch etwas Keramik, lugen zwischen den spärlich wachsenden Bäumen und Sträuchern aus dem dünnen Erdreich hervor. Auf halber Höhe grüßt uns freundlich ein älterer Herr, er hat sich hier oben sein eigenes kleines Gartenreich geschaffen. Seine Beete sind terrassenartig angelegt, er lockert den widerspenstigen Boden auf, Frühling ist Pflanzzeit. Noch eine letzte Wegbiegung, dann sind wir da. Musik dröhnt uns entgegen, am offenstehenden Eingangstor des umzäunten Geländes steht ein junger Mann an einer improvisierten Kasse, nur Barzahlung. Acht Euro kostet der Eintritt. Wir haben Glück, heute soll es eine Vernissage geben.
 
Nicht sofort erschließt sich uns, um was es hier eigentlich genau geht. Ist es nur ein „Lost Place“ mit vielfältigen Fotomotiven und einem tollen Blick über Berlin? Oder ist es doch eher ein Gesamtkunstwerk, mit Street Art und hunderten von bunten Graffitis? Wie auch immer, beeindruckt bin ich auf jeden Fall. Gleich hinter dem Eingangstor hat ein Scherzbold uralte Trimm -dich-Geräte aus den Siebzigern zu einem kleinen Open Air Gym zusammengestellt, trainieren wird dort niemand mehr, zuletzt wahrscheinlich die amerikanischen Soldaten vor vielen Jahrzehnten. Also eher was für ein lustiges Selfie, genauso wie der längst ausrangierte Armeelaster auf der anderen Seite der schmalen Zuwegung. Eine kleine Besuchergruppe hat sich gerade auf der Pritsche zu einem Gruppenbild versammelt, alle strahlen in die Kamera. Die stampfende Musik dringt aus dem Gebäude mit den blinden Fenstern links von uns, da läuft bestimmt die Vernissage. Wir entschließen uns aber, zunächst weiter rauf zur eigentlichen Abhörstation zu gehen. Ich habe extra meine große Spiegelreflex mit nach hier oben geschleppt, um ein paar Fotos zu machen. Es ist halb zwölf, das Gelände hat erst vor einer halben Stunde geöffnet, später wird es dafür bestimmt zu voll.
Wir biegen um die nächste Ecke, und ich stehe direkt davor. Das Hauptgebäude der Anlage mit den drei weißen Kuppeln auf dem Dach ragt hoch vor mir auf. Alle Gebäudeteile um mich herum sind mit Graffitis übersät. Ich spüre die Atmosphäre dieses Ortes, es ist eine Mischung aus künstlerischer Energie und Vergänglichkeit. Über eine massive Außentreppe aus Beton arbeiten wir uns an dem hohen, zentralen Gebäude der Abhöranlage hinauf, für das letzte Stück rauf aufs Dach wurde diese allerdings durch neue stählerne Stufen ersetzt, durch die Gitterroste blicke ich bis ganz nach unten durch. Mir wird etwas mulmig, Höhe bringt mich an meine Grenzen. Dann sind wir endlich oben. Der eiskalte Wind pfeift uns um die Ohren, ich hole mit klammen Fingern meine Nikon aus dem Rucksack.
 
Wirklich unglaublich, mir stockt der Atem, es ist nicht nur die grandiose Aussicht auf Berlin, der Fernsehturm auf dem Alex und der Funkturm des Messegeländes sind in der Ferne klar auszumachen, sondern es ist alles zusammen: die besondere Atmosphäre hier oben und das Empfinden, das sich in mir ausbreitet. Die dünne Bespannung der kugelförmigen Antennen ist längst überall eingerissen und flattert laut im Wind, durch die rostigen Metallkonstruktionen ergeben sich fantastische Perspektiven auf die Skyline Berlins. Die Mauern des Gebäudes sind voller bunter Graffitis, Tags und kunstvoll aufgesprühten Bildern. Ich versuche mich in die Zeit hineinzuversetzen, als hier oben die amerikanische Armee den Funkverkehr des Warschauer Paktes überwachte, die Zeit des Kalten Krieges und der Abschreckung. Es gelingt nur schwer. Zu offensichtlich sind der Verfall und die anti-amerikanischen Parolen um mich herum. Auf einer aufgemalten US-amerikanischen Flagge, den Stars and Stripes, sagt Captain America, „America fuck yeah!“, auf der anderen Seite der Fahne antwortet Uncle Sam, „Freedom is the only way, yeah!“ Die Sprache des US Militärs klingt anders.
 
Meine Gedanken wandern weit zurück, bis in die Nachkriegszeit. Der gigantische Aussichtsturm, auf dem ich stehe, gewachsen aus den Trümmern Berlins. Ein Drittel der damals zerstörten Stadt liegt zu meinen Füßen, aufgeschichtet zu einem Berg, strategisch genutzt in der Zeit des Kalten Krieges. Die beiden Weltmächte USA und Sowjetunion in ständiger Lauerstellung, auch auf diesem Hügel, von wo ich gerade mit der Kamera in der Hand fröstelnd auf mein geliebtes Berlin schaue. Heute weht hier oben allerdings ein anderer Wind, im wahrsten Sinne des Wortes, der „Wind of Change“, um mit den Scorpions zu sprechen.
Und auf einmal erreicht es mich, dieses spezielle Gefühl, und ich spüre, was mich gerade auf dem Gipfel des Teufelsberges umgibt. Es ist der Geist von Frieden, Freiheit und dem Widerstand gegen die Systeme, auf gewisse Art und Weise weltpolitisch und künstlerisch zugleich, geboren aus der Historie dieses Ortes, den unzähligen Künstlern, die hier oben ihre vielfältigen Spuren hinterlassen haben, und auch dem morbiden Charakter der verfallenen Anlage. Überbleibsel einer Zeit, von der wir hofften, dass sie endgültig der Vergangenheit angehören, und die uns jetzt wieder einzuholen drohen.
 
Eine Weile genieße ich einfach den Ausblick, mache noch ein paar letzte Fotos und gehe eine Etage tiefer. Eine Street Art Ausstellung, Gemälde, großflächig an die Wände gesprüht. Ein Bild gefällt mir besonders gut: Ein Junge zielt mit seiner Zwille auf einen mit Stacheldraht umwickelten Metallzaun, purpurner Hintergrund, „Fuck Your Borders“ steht darüber geschrieben. Überwinde deine Grenzen, deine eigenen und die, die man dir setzen will, die tatsächlichen und die im Kopf. Eine gute Botschaft. 


¡Malditos Bastardos!

(Ecuador im Juni 2002)


 

El Panecillo, das Brötchen, ist ein Hügel mitten in Quito, der Hauptstadt Ecuadors. Die Stadt liegt auf knapp dreitausend Metern Höhe, der Panecillo erhebt sich um weitere zweihundert Meter in die hoch am Himmel stehende Sonne. Es ist heiß an diesem 3. Juni, unglaublich heiß. Ich stapfe die kurvenreiche, schmale Asphaltstraße den Hügel hinauf. Außer mir scheint heute niemand unterwegs zu sein. Schweiß läuft mir über die Stirn. La Virgen de Quito, die Jungfrau von Quito, eine fünfundvierzig Meter hohe, beflügelte Madonnenfigur aus Aluminium auf dem Gipfel des Panecillo ist mein Ziel. Eigentlich wollte ich schon längst in Kolumbien sein, aber die bevorstehenden Wahlen haben die Sicherheitslage dort derart verschlechtert, dass mir von einer Weiterreise dringend abgeraten wurde. So hänge ich nach zwei Monaten Südamerikareise, die mich von Santiago de Chile die Anden entlang immer weiter nordwärts geführt hat, schon seit Tagen in Quito fest.

Ein paar einheimische Frauen, alle in traditioneller, indigener Kleidung mit bunten Röcken und breitkrempigen Hüten, erfrischen sich an einem Brunnen auf einem kleinen Marktplatz unterhalb des Hügels. Ich fülle meine Wasserflasche auf und mein katastrophales Spanisch hält mich nicht davon ab, munter drauf los zu plaudern. Als ich mit Händen und Füßen erzähle, wohin ich unterwegs bin, raten sie mir aufgeregt davon ab, weiterzugehen. Es sei viel zu gefährlich, ich solle mir doch lieber ein Taxi nehmen. Den Grund ihrer Warnung, die ich fast beiläufig in den Wind schlage, habe ich dabei nicht so richtig verstanden. Nur immer wieder das eine Wort ¡peligroso!, ¡peligroso! Gefährlich! Gefährlich! Aber der Weg ist schließlich das Ziel, und außerdem überrage ich die meisten Südamerikaner um mindestens zwei Köpfe. Was soll mir also schon passieren? Zur Beruhigung verspreche ich ihnen, auf der Straße zu bleiben und nicht querfeldein durch die Parkanlage zu gehen. Ich bedanke mich also bei den netten Marktfrauen, winke ihnen zum Abschied noch einmal fröhlich zu, und mache mich weiter auf den Weg, die steile Straße hinauf zur eisernen Jungfrau. Die flirrende Mittagshitze treibt mir den Schweiß aus allen Poren und die dreitausend Meter über Normalnull lassen meinen Puls Purzelbäume schlagen. Ab und zu halte ich an, nehme einen Schluck aus der Wasserflasche und wische mir mit der Armbeuge den Schweiß aus dem Gesicht. Weit und breit ist noch immer niemand zu sehen. Ich scheine der einzige Tourist zu sein, der sich bei der sengenden Sonne hier hoch wagt.

Der Angriff kommt wie aus dem Nichts. Ein kräftiger Arm umklammert plötzlich von hinten meinen Hals, jemand hängt wie ein zentnerschwerer Rucksack an mir dran und versucht, mich zu Fall zu bringen. Der unsichtbare Angreifer zerrt und zieht. Instinktiv reiße ich die Arme hoch, mein rechter Ellenbogen saust immer wieder kraftvoll nach hinten. Ein echter Treffer gelingt mir aber nicht. Stattdessen kracht von irgendwoher etwas hart und äußerst schmerzhaft gegen meine rechte Augenbraue, vermutlich eine Faust. Blut rinnt mir über das Gesicht, mein Blick verschwimmt. Von vorne zerrt ein weiterer Typ an meiner bunten Inka-Tasche, die ich umhängen habe. Ich beginne, um mich zu treten und gleichzeitig an das Pfefferspray zu kommen, das ich immer in meiner rechten Hosentasche bei mir trage. Gelingt mir aber nicht, meine Hände sind zu sehr damit beschäftigt, die vielen Angriffe abzuwehren. Der Kampf wird begleitet von Schnaufen, Stöhnen, aufgewirbeltem Staub und umherfliegenden Schweißtropfen. Merkwürdigerweise ist er ansonsten fast lautlos. Mein T-Shirt zerreißt, die Oakley-Sonnenbrille ist längst davon gesegelt und eine starke Hand hält meinen linken Arm fest, fremde Finger fummeln an meiner Armbanduhr, und schon ist sie ebenfalls weg. Endlich bin ich den Typen auf dem Rücken los und halte völlig überraschend auf einmal meine Inka-Tasche in den Händen, die ich schon verloren glaubte. Nichts wie weg, denke ich, drehe mich um und will die Straße runterlaufen. Da baut er sich auf einmal bedrohlich vor mir auf, dieser Typ mit dem beeindruckend großen, rostigen und überaus spitzen Messer in der Hand, mitten auf dem Weg. Ich bin wie versteinert. Mit bloßem Oberkörper, das Blut läuft mir mittlerweile schon bis auf die Brust, stehe ich bewegungslos da, unfähig mich zu rühren. Er schreit irgendetwas Unverständliches und hält nur das Messer drohend in meine Richtung. Mehr muss er auch nicht tun. Ich fühle mich auf einmal so irrsinnig verletzlich und will nur eins nicht: das Messer in den nackten Bauch gerammt bekommen. Irgendwo auf einer staubigen Straße in Südamerika blutend zusammensacken und elendig verrecken. Kein Mensch weiß, wo ich gerade bin, weder meine Familie, noch meine Freunde. Ich werde aus dem Schreckensmoment gerissen, einer von den anderen greift widerstandslos nach meiner Tasche und sie rennen durch den Park davon. Erst jetzt sehe ich, dass sie zu dritt waren. Alle dunkel gekleidet, Jeanshosen, ansonsten kann ich mir auf die Schnelle nichts merken. Dann sind sie verschwunden. Es ist vorbei.

Die eben noch menschenleere Straße erwacht zum Leben. Ein paar Leute eilen aufgeregt herbei, jemand reicht mir ein Taschentuch. Erschöpft lasse ich mich auf den Bordstein sinken. Notdürftig säubere ich mit dem Tuch mein Gesicht und die Brust, klaube mein zerrissenes T-Shirt von der Straße und presse es gegen die aufgeplatzte Augenbraue. Ansonsten bin ich zum Glück anscheinend unverletzt. Bestandsaufnahme. Was haben sie mir abgenommen? In der Tasche war nur der Reiseführer und eine billige Nikon aus Plastik, beides kein Drama. Die teure Spiegelreflex wurde mir vor einiger Zeit in einem Café sowieso schon geklaut. Die Armbanduhr fehlt genauso, wie die Oakley. Die Sonnenbrille war nicht billig, ist aber auch kein großer Verlust, ich bekomme ja an jeder Straßenecke eine neue. Der Blick auf den hellen Streifen meines ansonsten gut gebräunten linken Handgelenks jedoch schmerzt fast so, wie mein Kopf. An der Taucheruhr mit der eingravierten Schwinge hängen schöne Erinnerungen und sie hat mir viel bedeutet. Was noch? Ein Schrecken fährt mir durch die Glieder und meine freie Hand tastet fahrig über die rechte Seitentasche meiner Trekkinghose. Dann atme ich erleichtert aus. Reisepass und Portemonnaie sind noch an Ort und Stelle, die haben mir die Scheißkerle zum Glück nicht auch noch abgenommen. So bleibt mir viel Ärger erspart und meine Gegenwehr hat wenigstens ein bisschen was gebracht. Mir ist zum Heulen zumute. Ich stöhne noch einmal laut auf und starre vor mich hin, beäugt von der kleinen Menschenansammlung, die mich immer noch umringt. Okay, was jetzt?

Dann kommen auf einmal knatternd zwei Motorräder die Straße hochgebraust. Die Fahrer tragen weiße Helme und blaue Uniformen. Policía Metropolitana steht in großen weißen Buchstaben auf ihren Rücken. Offenbar hat jemand die Polizei gerufen. Sie halten kurz an und sprechen mit den Schaulustigen um mich herum, mir schenken sie seltsamerweise kaum Beachtung. So schnell die Motorrad-Cops gekommen waren, so schnell sind sie auch schon wieder auf ihren kleinen japanischen Crossmaschinen verschwunden. Nicht einmal abgestiegen waren sie. Ich hatte nur ein paar Wortfetzen verstanden. Die Menschentraube hatte ihnen offenbar wild gestikulierend geschildert, was passiert ist. Vermutlich war ich doch nicht so mutterseelenallein gewesen, wie ich dachte. Nun denn, hoffentlich finden sie die Kerle. Ich bleibe einfach sitzen, überprüfe von Zeit zu Zeit, ob meine aufgeplatzte Augenbraue endlich aufhört zu bluten, und bemühe mich, einen klaren Gedanken zu fassen. Eine ältere Dame gibt mir eine Flasche Wasser und ein Päckchen Taschentücher. Sie sieht mich dabei mitleidig, aber freundlich, an. Ich bedanke mich artig und wische wieder ein wenig an mir rum. Die kleine Versammlung, neugierig, was hier wohl noch so passieren wird, beginnt, entspannt zu plauschen und ich hocke noch immer auf der Straße rum, überlege, was zu tun ist. Diese Entscheidung wird mir dann sehr schnell abgenommen, es geht hier wirklich Schlag auf Schlag.

Ein Auto kommt herangebrettert, hält mit knirschenden Reifen direkt vor meinen Füßen und hüllt mich in eine Staubwolke. Der Fahrer stößt von Innen die Beifahrertür auf und winkt mich zu sich ran. Mühsam komme ich auf die Beine, trete ans Fahrzeug und bin ziemlich irritiert. Das erste, was ich sehe, ist eine großkalibrige Pistole, offen in der Mittelkonsole dieser unauffälligen Limousine. Vom Hals des Fahrers, einem sportlichen Mitvierziger, baumelt eine Polizeimarke. Der Mann bedeutet mir, einzusteigen. Ich zögere. Warum hat der Polizist seine Pistole einfach so im Fahrzeug rumliegen? Normalerweise tragen sie ihre Dienstwaffe doch am Gürtel, oder nicht? Die Schaulustigen umringen jetzt mit mir das Auto und rufen immer wieder: „¡Un policía! ¡Un policía! Ein Polizist! Ein Polizist!“ Wie ein beruhigendes Mantra. Der Fahrer, eigentlich wirkt er ziemlich vertrauenserweckend, wird ein wenig ungeduldig. Aus den wenigen Brocken, die ich verstehe, höre ich raus, dass sie wohl jemanden erwischt haben, den ich mir angucken soll. Die Menschen in meinem Rücken drängen ebenfalls darauf, dass ich endlich einsteigen soll. ¡Un policía! ¡Un policía! Ich zögere noch, klettere dann aber schließlich vorsichtig auf den Beifahrersitz.

Die halsbrecherische und wortlose Fahrt endet bereits nach ein paar hundert Metern. Am Straßenrand steht einer der Motorradpolizisten und bewacht einen finster dreinschauenden Typen, der mit Handschellen an einen Laternenpfahl gekettet ist. Jeans, dunkles T-Shirt und ein Basecap auf dem Kopf. Könnte einer der Kerle gewesen sein. Aber hatten die überhaupt irgendwelche Kappen getragen? Kann mich nicht erinnern. Wir steigen aus. Beim Näherkommen rieche ich seine Alkoholfahne, der Mann mustert mich feindselig. Die beiden Polizisten dagegen sehen mich erwartungsvoll an. Ich denke angestrengt nach, habe immer wieder den Messermann vor meinem geistigen Auge und wie die Typen wegrennen. Der Festgenommene nimmt mich ins Visier und pöbelt dann in meine Richtung, dass die Spucke nur so fliegt. Na toll. War er wirklich mit dabei? Wenn ja, wer von den dreien ist er gewesen? Der mit dem Messer? Nee, der hatte mit Sicherheit kein Basecap getragen. Andererseits, die Kappe kann er sich ja auch später erst besorgt haben, Zeit genug hatte er ja. Und sonst? Ich bin unsicher und schaue ihn mir noch einmal genauer an: ein dünner, ungepflegter Typ, vielleicht Mitte Zwanzig, dunkle Bartstoppeln und stechende Augen. Er flucht und zappelt herum. Tja, könnte einer der Täter gewesen sein, aber hundertprozentig sicher bin ich mir nicht. „No sé. Ich weiß nicht“, sage ich mit einem Achselzucken zu dem Zivilpolizisten. Das scheint nicht das zu sein, was er hören wollte, und er runzelt die Stirn. Die kleine Truppe von Schaulustigen ist mittlerweile ebenfalls eingetroffen. Es entbrennt eine wilde Diskussion und hagelt wüste Beschimpfungen in Richtung des Delinquenten. Immer wieder höre ich die Leute rufen: „¡Él estaba allí! Er war dabei!“ Sie deuten mit dem Finger auf den Mann am Laternenpfahl, der bedankt sich mit einer weiteren Schimpftirade. Offensichtlich gab es wohl doch ein paar Augenzeugen. Ich sehe mir den Mann noch einmal in Ruhe an, denke das Basecap weg und gehe jedes Detail des Überfalls im Kopf durch. Dann bin ich mir sicher. „Creo que el hombre estaba allí. Ich glaube, der Mann war dabei“, bricht es schließlich auch aus mir heraus.

Bis auf den wütenden und überaus schlecht gelaunten Verdächtigen scheinen jetzt alle zufrieden zu sein. Ein Streifenwagen kommt herangefahren, der Motorradpolizist schließt den Mann los und übergibt ihn an seine Kollegen. Zu meiner großen Überraschung soll ich direkt neben ihm auf der Rückbank Platz nehmen, der Zivilpolizist hat sich schon verabschiedet. Und so werden mein Angreifer und ich zusammen in dem Streifenwagen runter in die Stadt zum zuständigen Polizeirevier chauffiert. Die ganze Fahrt werde ich von ihm übelst beschimpft. Scheinbar ungerührt betrachte ich durch die Autoscheibe die an mir vorbeiziehenden Häuser und Straßen, mein Nacken erntet den Shitstorm seines Lebens.

Auf der Wache herrscht ein heilloses Durcheinander. Ich werde erstmal in den überfüllten Wartebereich verfrachtet, der Verdächtige gleich nach hinten durchgeführt. In den Zellentrakt oder direkt in die Vernehmungsräume, mutmaße ich. Da sitze ich nun: nackter, noch immer blutverschmierter Oberkörper, zum Glück beginnt sich die Wunde allmählich zu schließen, und werde von allen Seiten angestarrt. Kein Wunder, ich bin schließlich der einzige Gringo hier und so, wie ich aussehe, wohl eine echte Attraktion. Als ich einen Uniformierten höflich frage, ob ich wohl zur Toilette dürfe, um mich weiter zu säubern und mir mal die Augenbraue anzuschauen, weist der mich ziemlich barsch ab. Nach einer Weile werde ich dann zur Anzeigenaufnahme gerufen. Da nicht nur ich, sondern auch mein Spanisch nach wie vor ziemlich wackelig auf den Beinen ist, hatte ich mich bei den anderen Wartenden umgehört, ob einer von ihnen Englisch spricht. Ich bin erleichtert, jemanden zu finden, der sich bereit erklärt, für mich zu übersetzen. Bevor wir loslegen, drückt mir einer der Polizisten ein leeres Anzeigenformular in die Hand und fordert mich auf, gegenüber auf der anderen Straßenseite in einem Copyshop zehn Kopien anfertigen zu lassen. Geld gibt er mir natürlich nicht. Ich tue so, als ob das ein völlig normaler Vorgang ist, ich habe ja erfreulicherweise auch noch mein Portemonnaie dabei, und mache mich mal eben kurz auf den Weg, noch immer mit nackter Brust und blutverkrusteter Augenbraue. Als ich zurück bin, verschwindet der Großteil der Kopien auf Nimmerwiedersehen in einer der vielen Schreibtischschubladen, dann geht es aber auch schon los. Stolz erzählen mir die Beamten, dass der Verdächtige bereits gestanden habe, bei dem Überfall dabei gewesen zu sein. Dann erst berichte ich, was eigentlich passiert ist, und einer der Polizisten hämmert im Zwei-Finger-System auf eine Schreibmaschine ein. Viel wollen sie eigentlich gar nicht wissen. Als wir schließlich auf das Stehlgut zu sprechen kommen, winken sie bereits ab. Eine genaue Aufstellung brauchen sie nicht, da es sowieso nicht wieder auftauchen wird, sagen sie gleichgültig und verzichten auch auf meine Hoteladresse in Quito. Ich bin völlig perplex. Letztlich setze ich mich durch und sie tippen zähneknirschend doch noch die Details zu Kamera, Sonnenbrille und Armbanduhr in den kurzen Bericht. Die Kopie für meine Versicherung darf ich mir natürlich wieder selbst im bekannten Copyshop gegenüber der Wache anfertigen. Dann ist auch schon alles erledigt.

Vor der Tür atme ich erstmal kräftig durch und blicke mich um. Zu meinem Hotel ist es nicht weit. Der Concierge starrt mich mit entsetztem Gesicht an. ¡Dios mío!¿Qué ha pasado? Oh, mein Gott! Was ist passiert? Ich erzähle ihm von dem Überfall und er schüttelt den Kopf. ¡Malditos bastardos! Verdammte Mistkerle! Auf dem Zimmer kann ich mich endlich richtig waschen und die Wunde versorgen, auf so einer Reise habe ich immer Desinfektionsmittel und genügend Pflaster dabei. Schnell ein frisches T- Shirt übergezogen, dann brauche ich erstmal ein Bier. Am Ende des Abends sind es eher so sechs bis acht geworden. 

Warum ich mir diese Geschichte von der Seele geschrieben habe? Weil sie dort ihre Spuren hinterlassen hat. Wenn man plant, monatelang allein mit dem Rucksack einmal quer durch Südamerika zu reisen, macht man sich vorher viele Gedanken, trifft gründlich seine Vorbereitungen und rechnet mit so manchen Dingen, die passieren können. Einiges davon ist mir auf meiner Reise dann auch tatsächlich widerfahren. Ich wurde übers Ohr gehauen, mehrfach beklaut, konnte nächtelang nicht schlafen und statt in einem gemütlichen Bus, fuhr ich manchmal sogar auf der Pritsche eines alten Lastwagens mit, wenn überhaupt. Aber ich hatte überhaupt nicht einkalkuliert, Opfer einer Gewalttat zu werden- und was es mit dir macht, wenn es dich so plötzlich und komplett unvorbereitet erwischt. Wenn du auf einmal mit voller Wucht und gnadenlos attackiert wirst, dann auch noch auf ein Messer starrst und nur willst, dass man es dir nicht in den Bauch sticht. Das hat mich verändert. Die körperlichen Schmerzen und die Verletzung habe ich schnell überwunden- der Überfall spielte sich aber für eine lange Zeit immer und immer wieder in meinem Kopf ab. Jede Sekunde, fast so, als erlebte ich es ein zweites Mal. 

Allerdings dürfen mich diese Erfahrungen nicht davon abhalten, auf meinen Reisen den Menschen auch weiterhin offen und freundlich zu begegnen. Und wenn man von den Einheimischen, die sich meist besser auskennen als der Reisende selbst, einen gut gemeinten Ratschlag erhält, diesem eine Chance geben und ihnen Vertrauen schenken. So hätte ich der Gefahr vermutlich aus dem Weg gehen können. In diesem Sinne: Bleibt neugierig auf die Welt, sie ist spannend und bunt, und passt dabei auf euch auf.
PS: Die Jungfrau von Quito habe ich übrigens nie gesehen.