Ein Gefühl von grenzenloser Freiheit und Abenteuer

Das schwere Brummen und Vibrieren der BMW R1150R überträgt sich direkt auf meinen Körper, erfasst umgehend auch Seele und Geist. Den Blick nach vorn gerichtet, auf Straßen und Kurven, gespannt auf das was kommen wird: fremde, schöne Landschaften, die nur so vorbeifliegen; Begegnungen mit neuen Menschen; Gerüche von Nadelwäldern, klare Bergluft, eine Meeresbrise vielleicht- aber auch mal Verkehrschaos und Abgasmief in wuseligen Städten. Nirgendwo sonst spüre ich es intensiver, als auf dem Motorrad: das Gefühl von Freiheit und die Abenteuerlust.

Meine Reiseberichten erscheinen regelmäßig auch im "Kradblatt" , dem norddeutschen Motorradmagazin.

Bis nach „Land`s End“- auf dem Motorrad durch Südengland 

(Mai 2022)


 

Bei einer Reise geht nicht zuletzt darum, ein Ziel zu haben. Meins heißt diesmal „Land´s End“, allein der Name für mich schon ein Sehnsuchtsort. Der westlichste Zipfel Englands, danach nur noch das unendliche Blau des Atlantiks- da möchte ich hin. Mit dem Motorrad natürlich, denn den Winter haben wir längst hinter uns gelassen, die meisten Einschränkungen der Corona Pandemie zum Glück auch. Die Freiheit wieder in vollen Zügen genießen, den Fahrtwind spüren und die Gedanken fliegen lassen. 

Meine Anreise nach Dünkirchen (Dunkerque) in Frankreich, von dort geht nämlich meine Fähre rüber auf die Insel, 750 km Autobahn von Hamburg durch die Niederlande und Belgien, ist wenig spektakulär. Eine Übernachtung in einem kleinen Hotel an der Promenade und ein Spaziergang zum Strand, dort wo im Zweiten Weltkrieg die Schlacht von Dünkirchen tobte und es den Alliierten gelang, durch die Operation Dynamo einen Großteil der in die Stadt geflüchteten britischen Truppen vor den Angriffen der deutschen Wehrmacht zu retten und nach England zu evakuieren. Dünkirchen wurde dabei fast komplett zerstört, viel Sehenswertes gibt es daher nicht. 

Der nächste Morgen: Meine BMW R1150R steht fest verzurrt auf der Fähre von DFDS Seaways, ich stehe auf dem Oberdeck, in der Hand einen Kaffee und fühle die Morgensonne auf meinem Gesicht. Außer mir sind nur noch ein weiterer Motorradfahrer aus Tschechien und ein paar Radfahrreisende mit an Bord, natürlich auch die üblichen LKW und eine Handvoll Autos. Die Hauptsaison beginnt erst in ein paar Wochen. 

Die weltberühmten weißen Kreidefelsen von Dover sind schon einige Seemeilen vor dem Anlegemanöver auszumachen und das erste, was ich von England sehe. Ein wunderschönes Panorama, besonders bei diesem Traumwetter, strahlender Sonnenschein und knapp 20 Grad. 

Daran, dass man in Großbritannien bekanntlich ja links fährt, habe ich mich schnell gewöhnt, für die Schilder mit den Geschwindigkeitsbegrenzungen und die unzähligen Kreisverkehre brauche ich allerdings etwas Konzentration. Wie war das noch mal mit der Umrechnung von Meilen in Kilometern? Ach ja, 1 zu 1,6. Ehrlicherweise musste ich das bei meinem ersten Tankstopp googeln. 

Das Navigieren ist dagegen denkbar einfach, es geht nämlich zunächst immer nur die Südküste Englands entlang Richtung Westen. Ich möchte einen Eindruck der bekannten Seebäder gewinnen. Ab und zu werfe ich einen Blick auf die Karte vor mir, kann aber gar nicht vom Kurs abkommen, solange das blaue Wasser über meiner linken Schulter schimmert. Anstatt mit Handy oder Navi arbeite ich gern mit Landkarten aus Papier. So bin ich gezwungen, mich mit den Ortsnamen und Gegebenheiten der realen Welt auseinanderzusetzen und weiß immer, wo ich gerade bin- und nicht nur, wo das Display mich hin lotsen möchte. 

Eine Weile lasse ich mich durch die wunderschöne, flache, sehr grüne Landschaft und die leichten Kurven treiben. Mehr geht nicht. Oder doch? 

 

Brighton. Das bekannteste der englischen Seebäder erreiche ich nach ungefähr 150 km und drei gemütlichen Fahrstunden. Aber anstelle eines mondänen Badeortes mit typisch britischem Understatement erwartet mich am Palace Pier eine Mischung aus übervoller Partymeile und Jahrmarkt. Menschenmassen schieben sich hinaus auf die lange Seebrücke mit ihren vielen Fahrgeschäften und Buden. Kein Wunder, es ist Samstagnachmittag bei herrlichstem Wetter. Eine Weile versuche ich noch irgendwo ein Plätzchen für meine BMW zu ergattern, leider erfolglos. Kurzerhand entschließe ich mich, umgehend weiterzufahren. Dies ist ohnehin nicht das England, das ich entdecken wollte. 

Lustige, kleine Randnotiz: Statt wie in Deutschland üblich mit erhobener Hand, grüßen sich entgegenkommende Motorradfahrer hier durch ein seitwärts geneigtes Nicken mit dem behelmten Kopf. Sieht die ersten Male nicht nur etwas seltsam aus, ich brauche auch ein paar Anläufe, um es genauso zackig hinzubekommen, wie meine englischen Bikerfreunde. 

 

Nachdem ich Brighton hinter mir gelassen habe, steuere ich schon mein Bed & Breakfast in Portsmouth an. Ein winziges Zimmer unter dem Dach, die Maschine muss ich notgedrungen auf dem schmalen Bürgersteig vor dem Haus abstellen, was mir gar nicht gefällt. Jeder Fußgänger muss sich daran vorbeidrängeln. An der weitaus ruhigeren Pier von Portsmouth hole ich mir als Abendessen an einem Stand die erste Portion Fish`n`Chips meiner Reise, ein großes Stück frittiertes Fischfilet in einem Backteig mit einer Portion Pommes, eine Art Nationalgericht in England. Es wird nicht die letzte Mahlzeit dieser Art gewesen sein, kulinarisch gibt es sicherlich verlockendere Reiseziele. 

 

Der nächste Tag startet mit Dauerregen, zum Glück steht wenigstens die BMW noch unversehrt vor der Tür. An der kleinen Autofähre zwischen Bournemouth/ Poole und der Isle of Purbeck schüttet es schließlich wie aus Kübeln. Also, schnell rein ins kleine Fährcafé, erstmal einen Kaffee und ein „cornish Pasty“ bestellt. Die mit allerlei herzhaften Zutaten, wie zum Beispiel Rindfleisch, Kartoffeln und Steckrüben, gefüllte Pastete ist eine Spezialität im südenglischen Cornwall, sollte früher den Minenarbeitern Kraft für die anstrengende Arbeit im Untertagebau geben und wird traditionell mit der Hand gegessen. Dann Regenpelle übergezogen und weiter geht’s. Allein die Überfahrt mit der Kabelfähre auf der schmalen Shell Bay ist ein kleines Abenteuer für sich. Starker Wellengang zwingt mich permanent dazu, das Schaukeln auf dem Motorrad sitzend auszugleichen. Trotz der ständigen Dusche von oben stellt sich keine schlechte Laune ein. Die schöne Hügellandschaft auf der anderen Seite und die sanft geschwungenen Kurven durch Dorset entschädigen mich für den nassen Hintern. 

Allerdings heißt es heute auch, ganz besonders aufzupassen, denn durch den Regen sind die ohnehin nicht im besten Zustand befindlichen Straßen - der Asphalt ist manchmal doch grob und brüchig- tückisch und die Sicht bei dem Wetter natürlich auch nicht die beste. Aber jetzt weiß ich wenigstens, warum es hier so schön grün ist, man darf eben in England kein trockenes Wüstenklima erwarten. Obwohl es tatsächlich stimmt, durch den warmen Golfstrom herrschen an der Küste Südenglands erstaunlich milde Temperaturen und überall findet man exotische Pflanzen in den Vorgärten. 

Die sich anschließende schroffe Felsenküste, die „Jurassic Coast“, eröffnet atemberaubende Perspektiven auf beeindruckende Küstenformationen, jetzt reißt sogar der Himmel wieder auf. 

Von Exeter geht es weiter quer über das wilde und mystische Dartmoor, bekannt aus Sir Arthur Conan Doyle`s „Der Hund von Baskerville“, eine überaus spannende Szenerie mit Wildpferden, Schafen und frei herumlaufenden Galloways. Hier ranken sich so manche düstere Legenden und Schauergeschichten um Geisterhunde, Dämonen und verschwundene Wanderer. Die Maschine schnurrt über die schmalen Asphaltwege, meine Augen können sich nicht sattsehen an den Weiten dieses sensationellen Hochlandes. Es ist Fahrspaß pur. 

Durch das schmucke Örtchen Princetown führt mich dann der Weg wieder runter an die Küste nach Plymouth. 

 

Als ich am nächsten Morgen gerade meine Tasche auf die BMW schnalle, regnet es wie auf Kommando schon wieder Bindfäden. Egal, Ruhe bewahren und los. Das Regenzeug hatte ich vorausschauend ja schon mal rausgelegt. 

Zunächst geht es erneut mit einer kleinen Fähre von Plymouth rüber nach Torpoint. Fast fünf Pfund kostet der kurze Spaß diesmal, ziemlich happig, aber immer wieder eine schöne Abwechslung. Als ich in die Grafschaft Cornwall reinfahre, hat der Himmel Einsehen mit uns Mopedfahrern und dreht die Dusche ab. Die Landschaft ist unglaublich grün und hügelig, die Straßen noch schmaler, als ohnehin in Südengland, sodass ich ein paar Mal befürchte, vom Weg abgekommen zu sein und sicherheitshalber bei den Einheimischen nachfrage. Murphys Gesetz folgend begegnen mir die entgegenkommenden Autos, Lieferwagen und sogar Doppeldecker-Busse häufig am Scheitelpunkt der engsten Kurven. 

 

Endlich. Land`s End, der westlichste Zipfel des englischen Festlandes und irgendwie ja auch das Ziel meiner Reise, kündigt sich durch die ersten Hinweisschilder an. Die Regenklamotten trocknen inzwischen hinten auf der Maschine, stattdessen habe ich den Helm hochgeklappt und mir eine Sonnenbrille auf die Nase gesetzt. Ich ziehe am Gashahn, lasse die Kuh durch die Kurven fliegen und werfe ab und zu einen Blick auf die schöne Felsküste, das tiefe Blau des Meeres und das satte Grün der Wiesen. Ich könnte ewig so weiterfahren, Cornwall, das Rosamunde Pilcher Land, hat mich gepackt. 

Die letzten Kilometer, ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, hatte mir vor der Reise extra nur wenig Bilder im Internet angeschaut, um mich nicht selbst zu spoilern. Als ich an der Zufahrt die zwei Pfund Parkgebühr aus meinem Brustbeutel pule und meine Augen kurz über die vielen abgestellten Autos wandern, platzt eine kleine Illusion. Vor mir ein „Welcome Center“, dahinter gleich ein Souvenirshop und die üblichen Cafés, sogar ein kleines 4D Kino gibt es hier. Land`s End ist eine Touristenattraktion. 

Aus meiner naiven Vorstellung, ein Foto, wie ich auf meinem Motorrad vor dem bekannten Wegweiser sitze, wird wohl nichts. Stattdessen kann man sich dort für zehn Pfund von einem professionellen Fotografen ablichten lassen- das Schild ist doch tatsächlich genau dafür abgezäunt. Naja, ein schnelles Selfie aus der Distanz ist dann doch noch drin. Aber davon einmal abgesehen ist der Blick auf die tosenden Wellen schon ein echtes Erlebnis. Hinter den Isles of Scilly, deutlich auszumachen am Horizont, verschwimmen das Blau von Meer und Himmel zu einer unendlichen Weite. Den Höhepunkt meiner Reise habe ich nun erreicht, ca. 1500 km, die Hälfte davon in Südengland, liegen bereits hinter mir. Ein etwas in die Jahre gekommenes Strandhotel in Newquay wird mein heutiges Nachtquartier. 

Von dort fahre ich am nächsten Tag zunächst weiter die Westküste Cornwalls rauf, drehe dann aber langsam wieder Richtung Nordosten ein. In Glastonbury übernachte ich in dem gemütlichsten Bed & Breakfast meiner Reise, mitten in den Cotswolds, dem „Herzen Englands“, um mir das kleine, hübsche Dorf Castle Combe anzusehen, bekannt für seine wunderhübschen, pittoreseken Häuser. 

Dann starte ich durch, um noch schnell meiner Tochter, die seit einigen Monaten in London lebt, einen kurzen Besuch abzustatten, bevor ich von Dover aus schon wieder die Heimreise antrete. 

 

Das Fazit? Südengland, insbesondere der äußerste Westen mit den Grafschaften Devon und Cornwall, sind ein tolles Reiseziel für Motorradfahrer. Schmale Asphaltstraßen, oft umsäumt von hohen Hecken, lockere Kurven und zwischendurch immer wieder phantastische Ausblicke auf schroffe Felsküsten, mystische Moorlandschaften und grüne Wiesen. Allerdings solltet ihr euer Regenzeug nicht zu Hause vergessen. Auf eurer Motorradreise erwarten euch auch noch viele typisch englische Pubs mit lokalen Biersorten und einfachem, aber oftmals auch ganz leckerem, Essen. Ansonsten gibt’s eben Fish´n´Chips - verhungern werdet ihr also schon mal nicht. 

Sretan put… gute Reise! Durch halb Europa bis runter nach Sarajevo in Bosnien-Herzegowina: 3.875 Kilometer, acht Länder und zwei Motorräder.

(Juni 2023)


 

Als mein Kumpel Timon aus Berlin mich fragte, ob ich nicht mal Lust hätte, mit ihm eine Motorradtour auf den Balkan zu machen, war ich sofort Feuer und Flamme. So manche Geschichte hatte ich ihm schon über diese spannende Region erzählt, in der ich mehrere Jahre leben und arbeiten durfte- losgelassen hat sie mich nie. Im Juni 2023 ist es dann soweit. 

Der Beginn unserer gemeinsamen Reise führt uns quer durch Brandenburg, den Spreewald und die Lausitz. Nach einem Zwischenstopp in Görlitz geht´s immer weiter süd-ostwärts, streifen kurz den westlichsten Zipfel Polens. Entspannte Tour bei Kaiserwetter durch die Oberlausitz, so ganz nebenbei: polnisches Kohlekraftwerk trifft auf deutschen Tagebau. 

Auf dunklem Asphaltband fahren wir dann durch grüne Landschaften, der Geruch der vorbeifliegenden Kiefernwäldern hängt in der Luft, längst haben wir Tschechien erreicht. Dann holt mich urplötzlich ein längst verdrängtes Problem ein: Die hydraulische Kupplung meiner BMW, die vor einigen Wochen schon mal aufgemuckt hatte, gibt jetzt jeglichen Widerstand auf, lässt sich leichter ziehen, als ein scharfes Messer durch weiche Butter. Wie auf einem bockenden Känguru geht’s noch 150 km weiter bis nach Brünn (Brno)- zurückfahren ist aber keine Option. Ein hartes Stück Arbeit: Navigieren, Maschine ohne Kupplung im Griff behalten und auch noch auf den dichten Straßenverkehr achten. Irgendwie kommen wir schließlich an. Soll es das schon gewesen sein mit unserem Motorradtrip auf den Balkan? 

Bei Nieselregen steige ich am nächsten Morgen auf die Maschine und quäle mich im Frühverkehr quer durch Brünn. Stress pur. Erst die Kupplung ein paar Mal kräftig ziehen, so dass sich doch noch etwas Druck aufbauen kann, blitzschnell den ersten Gang einlegen, losfahren, dann krachend den zweiten und vielleicht sogar noch in den dritten schalten. Immer auf dem Sprung sein, eventuell anhalten zu müssen. Dafür muss der Schalthebel unsanft auf N hoch bzw. runter getreten werden. 

Die Internetrecherche gestern Abend hatte eine auf BMW Motorräder spezialisierte Werkstatt am anderen Ende der Stadt ergeben. Nach einigem Suchen schiebe ich mein Moped in die kleine, aber gut ausgestattete Garage von David. Sofort hat er die Ursache des Übels ausgemacht: Der Hydraulikzylinder der Kupplung ist im Eimer. Das Ersatzteil muss allerdings erstmal bei BMW in Prag bestellt werden, vor Morgen wird es also nichts. 

Dafür hat David aber auch ganze Arbeit geleistet: Nicht nur die Kupplung funktioniert wieder einwandfrei, sondern die Maschine läuft besser als je zuvor, alle Verschleißteile sind gecheckt oder erneuert. Danke, David! Es kann also weitergehen. 

 

Wir wollen den verlorenen Tag wieder aufholen und so steht uns die längste Etappe der Tour bevor: fast 700 km von Brünn/ Tschechien bis nach Banja Luka/ Bosnien- Herzegowina. Kilometer machen ist angesagt, keine Zeit zu Bummeln- kurvenreiche, schmale Landstraßen mit schöner Aussicht wird es für uns heute wohl nicht geben. 

Deswegen kaufen wir für Ungarn schonmal vorsorglich online die E-Vignette und verlassen Brünn über die Autobahn Richtung Süden. Unspektakulär geht es erstmal weiter über gut ausgebaute Schnellstraßen. Irgendwann schickt uns das Navi aber doch noch quer durch dichte Wälder und später über die weiten Graslandschaften der ungarischen Puszta. Die winzigen idyllischen Dörfer gefallen mir besonders gut, die Zeit scheint hier stehengeblieben zu sein. Das Fahren beschwingt mich und ich lasse meinen Gedanken freien Lauf. 

Auf einmal kommen wir jedoch unvermutet an die slowenische Grenze. Damit haben wir jetzt nicht gerechnet, ich war fest davon überzeugt gewesen, von Ungarn direkt nach Kroatien einzureisen. Ein genauer Blick auf die Karte zeigt, dass es nur wenige Kilometer sind, die wir durch Slowenien fahren würden. Und deswegen extra für eine ganze Woche wieder eine Vignette kaufen? Kommt gar nicht in die Tüte. Direkt hinter der Grenze drehen wir wieder um, nehmen einen kleinen Umweg innerhalb Ungarns in Kauf und vermeiden so unnötige Kosten. Überhaupt nimmt das Thema Mautgebühren heute viel Raum ein, jedes Land regelt es in dieser Region für Motorradfahrer anders. Während Tschechien und die Slowakei uns komplett ohne Gebühren fahren lassen, verlangen Ungarn und Slowenien eine Vignette; Kroatien und Bosnien-Herzegowina betreiben sogar noch Mautstationen. 

Nach mehr als zehn Stunden im Sattel, 675 km auf dem Buckel und insgesamt schon fünf bereisten Ländern ist das Etappenziel fast erreicht: Banja Luka, Regierungssitz der Republika Srpska im Norden Bosnien-Herzegowinas, einem faktisch noch immer geteilten Land. Als wir in Gradiška den Grenzfluss Save, der hier von Kroatien trennt, überqueren, drohen tiefschwarze Wolken mit Ungemach, schon bald beginnt es, wie aus Eimern zu regnen. Durch das ganze Wasser auf den schlechten Straßen sind die tiefen Schlaglöcher jetzt gar nicht mehr zu erkennen und die Autofahrer verhalten sich noch unkalkulierbarer, als ohnehin schon. Mühsam zittern wir uns patschnass bis zu unserem Apartment im Zentrum der Stadt. Zum Glück ist unten in dem Wohnhaus eine ansprechende Pizzeria. Eine große Margherita und ein kühler Weißwein versöhnen mich am Ende wieder mit dem Tag. 

 

Der Morgen startet dort, wo der gestrige Abend geendet hat: in unserer Pizzeria, diesmal allerdings mit frischem Kaffee und einem leckeren Omelette. Die Maschinen stehen zum Glück noch genauso unversehrt auf dem Gehweg hinter unserer Unterkunft, wie wir sie gestern Abend abgestellt haben. 

Unsere heutige Etappe ist von der reinen Entfernung tatsächlich eine der kürzesten dieser Reise: knapp 200 Kilometer durch den Nordwesten Bosniens bis zur Hauptstadt Sarajevo. Doch die tückischen Straßen und ihre oftmals ziemlich achtlosen Autofahrer verlangen wieder Einiges von uns ab. Zum Glück ist der Wettergott milde gestimmt, lässt die Sonne auf unsere Helme scheinen und die sattgrünen Hügel, Wälder und Wiesen dieses wunderschönen Landes gleiten an uns vorbei. Allerdings kommen wir auf den schmalen, kurvigen Landstraßen nur langsam voran- und der Sommer 2023 scheint für die dringend notwendigen Asphaltierungsarbeiten auserkoren zu sein. 

Nach über vier Stunden erreichen wir schließlich Sarajevo, diese ganz besondere Stadt, die mir so ans Herz gewachsen ist. Unser Apartment liegt in der Nähe der pittoresken Altstadt, der Baščaršija, die einen mit ihren geduckten, orientalisch anmutenden Häuschen gefühlt nach Istanbul versetzt. 

 

Am nächsten Tag bleiben die Motorräder im Stall. Sarajevo ist das eigentliche Ziel und irgendwie auch Scheitelpunkt unserer Reise, da gebührt ihr auch die entsprechende Aufmerksamkeit. 

Da der Bosnienkrieg und auch die Belagerung Sarajevos von 1992 - 1996 durch die serbische Armee zu dieser Stadt gehören wie ihr berühmter Taubenbrunnen, entschließen wir uns, die wirklich empfehlenswerte Ausstellung über den Srebrenica Genozid in der „Galerija 11/07/95“ zu besuchen. Eine äußerst wichtige und sehr eindringliche Dokumentation des größten Massakers seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa. Den Nachmittag und Abend lassen wir dann wieder in der Altstadt und auf dem Taubenplatz mit seinem bekannten Brunnen, dem Sebilj, ausklingen. Schönheit und Leid liegen in Sarajevo eng beieinander. 

 

Wir sind wieder auf Achse. Die Reise führt uns raus aus Sarajevo auf der M 17 Richtung Südwesten. Nach einer Weile beginnt sich die Landschaft zu verändern, wird flacher, karger und felsiger. Ein intensiv blau-grün schimmernder Fluss, die Neretva, wird zu unserem Begleiter. Irgendwann sind die grünen Wälder um uns herum komplett verschwunden und die ersten Zypressen tauchen auf, hier und da sogar ein paar Palmen. Die Herzegowina, wie dieser Landesteil Bosniens heißt, empfängt uns mit mediterranen Bedingungen. Wir wollen der Stari Most, der namensgebenden alten Brücke ihrer regionalen Hauptstadt Mostar, einen Besuch abstatten. Sie verbindet den muslimisch geprägten Ostteil der Stadt mit dem eher katholischen westlichen Teil, gilt seit Jahrhunderten als symbolischer Brückenschlag zwischen Ost und West. 1993 wurde sie während des Bosnienkrieges in der stark umkämpften Stadt zerstört und 2004 mit internationaler Unterstützung wieder vollständig aufgebaut. Heute ist sie ein absoluter Touristenmagnet. Wir stellen unsere Motorräder in einer Seitenstraße ab und stapfen in unseren schweren Klamotten vorbei an unzähligen Souvenirständen durch die drängelnden Menschen, schnell rinnt uns der Schweiß den Rücken runter. Also, fix wieder auf die Bikes geschwungen und weiter geht’s. 

Kurz hinter Mostar befahren wir bereits kroatischen Boden und in Ploče erblicken wir dann endlich das tiefe Blau der Adria- der südlichste Zipfel unserer Balkanreise ist erreicht. Die Küstenstraße rauf nach Makarska, unserem heutigen Etappenziel, ist einfach der Hammer. Links glitzert das Meer, rechts die hellen Felsen, die man noch aus alten Winnetou Filmen kennt, und vor uns perfekt geschwungene Kurven. Die BMW surrt fröhlich vor sich hin, ich genieße einfach dieses Lebensgefühl, das nur Biker kennen, und könnte ewig so weiterfahren. 

In der Pension angekommen, ist aber leider für heute erstmal Schluss. Unser Wirt, selbst Motorradfahrer, klärt uns noch über eine seltsame Besonderheit auf, die mir in Bosnien aufgefallen war. Dort haben wir einige Motorräder mit überklebten Kennzeichen gesehen. Ich hatte irgendwelche verwaltungstechnischen Gründe in dieser politisch schwierigen Region vermutet, aber der wahre Grund scheint einerseits ziemlich banal und anderseits in Deutschland kaum vorstellbar zu sein. Einige Motorradfahrer kleben einfach ihre Nummernschilder ab, oder entfernen sie zeitweise gleich ganz, wenn sie in Bosnien auf die Tube drücken wollen. So können sie nicht so leicht von der Polizei erwischt werden und der Führerschein ist nicht in Gefahr. Die fehlenden Kennzeichen oder das Überkleben kostet sie dagegen nur eine geringe Geldbuße. 

 

Vidimo se, Dalmacija… Wir sehen uns wieder, traumhafte dalmatinische Küste. Nach einem Faulenzertag am Strand von Makarska wird es Zeit, wieder die Mopeds zu satteln und langsam die Heimreise gen Norden anzutreten. Wieder verzichten wir bewusst auf Autobahn und Mautgebühren- der Weg ist schließlich das Ziel, oder? 

Eine Weile tuckern wir noch gemütlich die Küstenstraße weiter Richtung Norden entlang, genießen die Aussicht auf die Adria über der linken Schulter. Kurz vor Split biegen wir dann auf die E 57/1 ins Landesinnere ab und überwinden auf Serpentinen die Ausläufer des dinarischen Gebirges. Auch das kroatische Hinterland ist abseits der ausgetretenen Pfade an der Küste ein attraktives Reiseland für Motorradfahrer- allerdings sollte man die Tankuhr im Auge behalten. Im Gegensatz zu Bosnien- Herzegowina ist die Tankstellendichte hier doch eher übersichtlich. Es kommt mir vor, als würden wir über eine Art Hochplateau fahren, in der Ferne recken sich Berge in die Höhe. Die Straßen sind teils sehr rau und nicht immer im besten Zustand, für ein paar Kilometer fehlt der Asphalt gleich ganz. 

Und wieder ändert sich die Vegetation: Die kahlen Bergen und Zypressen haben sich längst verabschiedet und Platz gemacht für ausgedehnte, üppige Laubwälder. Ausgerechnet kurz bevor wir in den Nationalpark Plitvicer Seen einfahren, beginnt es von oben zu tröpfeln. In Karlovac machen wir erstmal Quartier, das Abenteuer „Balkan auf zwei Rädern“ liegt beinahe hinter uns. 

 

Wir müssen uns nun leider aus Kroatien verabschieden, nach nur 30 km sind wir bereits an der Grenze zu Slowenien. An der ersten Tanke schnell noch eine E-Vignette geholt, dann schrauben wir uns auf schmalen, kurvenreichen Straßen durch die Berge bis nach Novo Mesto. Ein wahr gewordener Bikertraum: Eine Kurve reiht sich in perfektem Abstand an die nächste. Es ist fast so, als würde man einen Walzer tanzen. 

Durch den Karawankentunnel geht es direkt rüber nach Österreich. Schnell noch einen kurzen Abstecher an den Wörthersee gemacht, dann können wir mit einem guten Gefühl einen Haken an den neunten Tag unserer Reise machen- vor genau einer Woche waren wir in Brünn mit meiner von David wieder flott gemachten BMW gestartet, ohne ihn wäre ich gar nicht so weit gekommen. 

 

Motorradfahren wie aus dem Bilderbuch, quer durch die Bergwelt Kärntens und der Steiermark, atemberaubende Ausblicke auf saftig grüne Wiesenhänge, schroffe, teilweise noch schneebedeckte Felsgipfel und dichte Nadelwälder. Die engen und häufig steilen Haarnadelkurven verlangen mir Hamburger Fischkopp doch so einiges an Fahrkönnen ab- aber unbeschreiblichen Spaß macht es trotzdem. Alle paar Kilometer halten wir an und zücken die Handys, um später das Bergpanorama mit unseren Liebsten und Freunden zu teilen. 

Als wir nach mehreren Stunden Kurbeln kurz vor Steyr schließlich die Alpen hinter uns lassen, nehmen wir die schnellere Autobahn über Linz nach Tschechien. Unsere schmerzenden Hintern sind dankbar, die heutige Etappe nicht zu sehr auszureizen. Das Ziel für heute heißt Budweis, auf das gleichnamige Bier freuen wir uns wie irrsinnig an diesem heißen Tag. 

 

Der letzte gemeinsame Tag unserer Motorradreise. Das westliche Tschechien entpuppt sich als leicht hügelige, teils dicht bewaldete Landschaft mit vielen kleinen Seen und Bachläufen. Unsere Fahrt führt uns durch unzählige kleine Ortschaften, vorbei an noch mehr landwirtschaftlichen Betrieben. In Pilsen halten wir kurz auf dem Platz der Republik vor der beeindruckenden St.-Bartholomäus-Kathedrale- und ab Klingenthal befahren wir bereits schon wieder deutsche Straßen. 

 

Eine finale Umarmung an einer Tankstelle irgendwo an der Autobahn A4 bei Gera - dann geht’s für jeden von uns nur noch schnurstracks nach Hause.